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Was wird aus Oesterreich?

What Will Become of Austria?

Written on the seventh anniversary of the Anschluss, Hellmer surveys the Allied plan to occupy Austria in three zones, weighs the still-fragile Austrian resistance against the Moscow Declaration's demand for a national contribution to liberation, and reports proposals from Ferdinand Czernin (Austrian Action) and Minister Hans Rott (Free Austrian Movement) for stripping the 850,000 Austrian NSDAP members of citizenship and rebuilding the country as a democratic, economically viable state within a new Europe.

Die jüngste Entwicklung des alliierten Kurses in der österreichischen Frage gibt zu der Vermutung Anlass, dass die meisten österreichischen Emigranten die Moskauer Erklärung vom 1. November 1943 zu positiv aufgefasst haben. Sowohl Aussenminister Eden in London als auch Unterstaatssekretär Grew in Washington haben erst am 10. März wiederum erklärt, dass die Moskauer Erklärung wohl die völlige Loslösung Oesterreichs von Deutschland verbürge, aber nicht die sofortige Unabhängigkeit des Landes. Der letzte Paragraph der Moskauer Erklärung, in dem es heisst, dass Oesterreich durch seine Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung trage, der es sich nicht entziehen könne, dass aber bei der endgültigen Regelung der österreichischen Angelegenheiten in Betracht gezogen werde, was Oesterreich selbst zu seiner Befreiung beigetragen habe, liess den Alliierten die Möglichkeit offen, sich über die Souveränität Oesterreichs erst zu einem späteren Zeitpunkt schlüssig zu werden. Aber beide, Eden und Grew, haben ausdrücklich betont, dass es der Wunsch ihrer Regierungen sei, Oesterreich als freies und unabhängiges Land wiederherzustellen, in dem das österreichische Volk sein eigenes Schicksal in Eintracht mit anderen Nationen, die Frieden, Sicherheit und Wohlfahrt wollen, bestimmen kann.

The most recent turn in the Allied line on the Austrian question gives grounds to suspect that most Austrian émigrés have taken the Moscow Declaration of 1 November 1943 too optimistically. Both Foreign Secretary Eden in London and Under-Secretary of State Grew in Washington reiterated only on 10 March that the Moscow Declaration guarantees Austria's complete detachment from Germany but not the country's immediate independence. The final paragraph of the Moscow Declaration — which states that Austria bears a responsibility, from which she cannot escape, for having taken part in the war on the side of Hitler-Germany, but that in the final settlement of Austrian affairs due account will be taken of what Austria herself has contributed to her liberation — left the Allies free to reach a decision on Austrian sovereignty only at a later point. Yet both Eden and Grew emphatically stressed that it is the wish of their governments to restore Austria as a free and independent country in which the Austrian people may determine their own fate in accord with other nations that seek peace, security and prosperity.

Drei Zonen-Besetzung

Inzwischen ist in London der Plan einer Teilung Oesterreichs bekannt geworden, der semi-offiziellen Anstrich hat und eine militärische Besetzung des Landes in drei Regionen vorsieht. Russland soll Niederösterreich, das Burgenland und die nördliche Steiermark besetzen, England die übrige Steiermark, Kärnten, Tirol und Vorarlberg und Amerika Oberösterreich. Wien soll ebenfalls in drei Zonen militärisch verwaltet werden. Oesterreichische Emigranten nehmen diesen Plan als eine gegebene Tatsache hin, betonen jedoch, dass er sich nur auf eine Militärbesetzung und nicht auf die Zivilverwaltung bezieht. Die Zivilverwaltung wird einer inter-alliierten Kommission in Wien übertragen — und alles hängt davon ab, wie diese funktioniert.

Three-Zone Occupation

Meanwhile a plan for the partition of Austria has become known in London — semi-official in tone — which foresees a military occupation of the country in three regions. Russia would occupy Lower Austria, Burgenland and northern Styria; Britain the remainder of Styria, Carinthia, Tyrol and Vorarlberg; and America Upper Austria. Vienna, too, is to be administered militarily in three zones. Austrian émigrés accept this plan as a given, but stress that it applies only to a military occupation and not to civil administration. Civil administration will be entrusted to an inter-Allied commission in Vienna — and everything depends on how that commission functions.

Die österreichische Untergrund-Bewegung

Als einen besonderen Missstand in der österreichischen Situation sehen die politischen österreichischen Emigranten die Tatsache an, dass die drei Grossmächte — auf Grund einer in Teheran getroffenen Vereinbarung — keinerlei österreichische Vertreter oder Körperschaften anerkennen oder unterstützen. Es ist daher Oesterreichern im Ausland nicht möglich, den alliierten Regierungen gegenüber österreichische Interessen zu vertreten. Die Alliierten weisen immer wieder auf den angeblich fehlenden Beitrag der Oesterreicher zu der Befreiung vom Nazijoch hin.

Eine Untergrundbewegung bedürfe jedoch — so argumentiert man in österreichischen Exilkreisen — der tatkräftigen Unterstützung aus dem Ausland, und zwar sowohl der moralischen als auch der materiellen in Bezug auf Waffen und Geld. Aber die österreichische Untergrundbewegung sei keine Fiktion. In Tirol notgelandeten amerikanischen Fliegern hätten Bauern zur Flucht verholfen. In der deutschen Armee hat die Untergrundbewegung in Norwegen, Griechenland und Frankreich erfolgreich gearbeitet. Vor Stalingrad sind die Oesterreicher scharenweise zu den Russen übergegangen, darunter eine ganze Division der Deutschmeister. Damit wurde dem deutschen Angriff der Rücken gebrochen. Man hat dann diese Oesterreicher reorganisiert und nach Italien geschickt — mit dem Erfolg, dass sie sich vor Cassino den Polen ergeben haben. Seither haben die Deutschen alle österreichischen Formationen aufgelöst und Oesterreicher sind nur mehr einzeln zu den Alliierten übergegangen. Heute noch verlangen kriegsgefangene Oesterreicher, in österreichische Freikorps aufgenommen zu werden, von denen sie anscheinend gehört haben. Aber das einzige Freikorps, das besteht und das unter rot-weiss-roter Flagge kämpft, ist Titos jugoslawischer Armee angeschlossen und wurde sogar erst vor wenigen Tagen im Moskauer Rundfunk ausdrücklich genannt.

The Austrian Underground

The political Austrian émigrés regard it as a particular grievance in the Austrian situation that the three Great Powers — under an agreement reached at Tehran — recognize and support no Austrian representatives or bodies whatsoever. It is therefore impossible for Austrians abroad to advocate Austrian interests before the Allied governments. The Allies point again and again to the alleged lack of an Austrian contribution to liberation from the Nazi yoke.

An underground movement, so the argument runs in Austrian exile circles, requires active support from abroad — moral as well as material, in the form of weapons and money. Yet the Austrian underground is no fiction. American airmen forced down in the Tyrol have been helped to escape by peasants. Within the German army the underground has worked successfully in Norway, Greece and France. Before Stalingrad Austrians deserted to the Russians in droves, among them an entire division of the Deutschmeister — with the result that the German offensive was broken in the back. These Austrians were then reorganized and sent to Italy, with the result that at Cassino they surrendered to the Poles. Since then the Germans have dissolved all Austrian formations, and Austrians have crossed to the Allies only individually. Even today Austrian prisoners of war ask to be enrolled in Austrian free corps, of which they seem to have heard. But the only free corps that exists, fighting under the red-white-red flag, is attached to Tito's Yugoslav army — and was expressly named on Moscow radio only a few days ago.

Wie es kam

In diesem Zusammenhang ist ein in der Züricher »Weltwoche« erschienener Artikel interessant, in dem ein aus Oesterreich zurückgekehrter Korrespondent die Untergrundbewegung näher untersucht und zu einem Ergebnis kommt, das wie ein Schlüssel zur Betrachtungsweise der Alliierten scheint:

»Wenn die österreichische Widerstandsbewegung bisher nicht die Popularität und Stärke erreicht zu haben scheint, wie die Widerstandsbewegung anderer Länder, so darf das nicht wundernehmen. Die Oesterreicher tragen nicht die Erinnerung an einen stolzen, seiner Unabhängigkeit und seiner Mission bewussten Staat in sich wie die anderen, von Hitler unterjochten Nationen. Von Krisen geschüttelt, verarmt, gezwungen, sich an seine faschistischen Nachbarn Ungarn und Italien anzulehnen und auch die innerpolitischen Konsequenzen einer solchen Freundschaft zu ziehen, sehnte sich das Land seit Kriegsende nach Glanz und Grösse zurück. Adolf Hitler schien dem Lande neuerlich eine grosse Zukunft und zudem auch noch Arbeit und Brot zu bieten. Wohl ist dieser Traum verflogen. Wohin soll sich die Hoffnung aber nun richten? Wo ist, neben dem negativen Ziel der Beseitigung der deutschen Herrschaft, das positive Ideal eines neuen glücklichen Oesterreich zu finden?«

How It Came About

An article that appeared in the Zurich Weltwoche is of interest in this connection: a correspondent returned from Austria examines the underground movement more closely and reaches a conclusion that reads almost like a key to the Allied view of the country:

"If the Austrian resistance has so far not attained the popularity and strength of the resistance movements of other countries, this need cause no surprise. Austrians do not carry within them the memory of a proud state conscious of its independence and its mission, as do the other nations subjugated by Hitler. Shaken by crisis, impoverished, forced to lean on her fascist neighbours Hungary and Italy and to accept the domestic-political consequences of such a friendship, the country had longed since the end of the [First World] war for splendour and greatness once more. Adolf Hitler seemed to offer the country a great future again, and, along with it, work and bread. That dream has of course evaporated. But whither is hope to turn now? Where — beyond the negative aim of the elimination of German rule — is the positive ideal of a new, happy Austria to be found?"

Entvölkertes Land

Auch die Tatsache, dass es heute weniger Oesterreicher in Oesterreich gibt denn je, wirft ein erklärendes Licht auf die Situation. Obwohl jetzt zwölf Millionen Menschen in Oesterreich leben, sind nur fünf Millionen davon Oesterreicher; vier Millionen sind ausländische Arbeiter und drei Millionen »Bombenflüchtlinge«. Eine Million Oesterreicher sind in der deutschen Armee und eine halbe Million arbeiten zwangsweise im Reich. Bei der Gedenkfeier des »Free Austrian Movement« anlässlich des siebten Jahrestages der gewaltsamen deutschen Besetzung Oesterreichs hat Minister Hans Rott die folgenden interessanten Zahlen über die österreichische Untergrundbewegung verlesen:

»In der Zeit vom März 1938 bis August 1944 wurden 165 000 Oesterreicher als ›Staatsfeinde‹ in Konzentrationslagern interniert; 12 500 als Verräter, Saboteure oder Guerillas hingerichtet; 2350 Eisenbahngleise, Brücken, Elektrizitätswerke, Gasometer und Depots durch Sprengaktionen zerstört; 224 Züge zum Entgleisen gebracht; 104 Tanker und andere Schiffe auf der Donau versenkt; fanden 315 antinazistische Demonstrationen statt, bei denen Gestapo und SS eingreifen mussten und bei denen in jedem einzelnen Falle über 50 Tote und Verwundete gezählt wurden; 528 Streiks in kriegswichtigen Betrieben, namentlich in Steyr, Hirtenberg, Linz, Villach, Donawitz, Floridsdorf und Bruck; wurden 27 000 Deutsche von österreichischen Partisanen und Guerillas, teilweise in gemeinsamer Aktion mit fremden Kräften, getötet; wurden 14 illegale Zeitungen mit einer monatlichen Gesamtauflage von 45 000 Exemplaren publiziert.«

A Depopulated Country

The fact that there are today fewer Austrians in Austria than ever also throws an explanatory light on the situation. Although twelve million people now live in Austria, only five million of them are Austrians; four million are foreign labourers and three million are refugees from bombing. One million Austrians serve in the German army and half a million are conscripted for forced labour in the Reich. At the Free Austrian Movement's commemoration on the seventh anniversary of the violent German occupation of Austria, Minister Hans Rott read out the following striking figures on the Austrian underground:

"Between March 1938 and August 1944, 165,000 Austrians were interned in concentration camps as 'enemies of the state'; 12,500 were executed as traitors, saboteurs or partisans; 2,350 stretches of railway track, bridges, power stations, gasworks and depots were destroyed by acts of sabotage; 224 trains were derailed; 104 tankers and other ships were sunk on the Danube; 315 anti-Nazi demonstrations took place at which the Gestapo and SS had to intervene, in each case with more than fifty dead and wounded; there were 528 strikes in war-critical plants, notably in Steyr, Hirtenberg, Linz, Villach, Donawitz, Floridsdorf and Bruck; 27,000 Germans were killed by Austrian partisans and guerrillas, in part in joint action with foreign forces; 14 illegal newspapers with a combined monthly circulation of 45,000 copies were published."

Ein Vorschlag Czernins

In einem Interview erklärte Ferdinand Czernin, der Vorsitzende der »Austrian Action«, dass ausnahmslos alle von den Nazis seit 1938 erlassenen Massnahmen in Oesterreich rückgängig gemacht werden müssen. Darüber hinaus verlangt Czernin, dass alle 850 000 österreichischen Mitglieder der NSDAP ausgebürgert werden müssen, denn sie haben — bis zum Eintritt der Parteisperre 14 Tage nach dem »Anschluss« — ausdrücklich von ihrem »Optionsrecht« für Deutschland Gebrauch gemacht. In diesem Zusammenhang lehnt Czernin auch die diskutierte Möglichkeit ab, dass die zweieinhalb Millionen Sudetendeutsche, von denen Präsident Benes vor seiner Abreise aus London sagte, dass sie ausgesiedelt werden müssen, in Oesterreich Aufnahme finden sollen.

Auch Minister Rott ist im Rahmen der Gedenkfeier des »Free Austrian Movement« auf die Zukunft Oesterreichs zu sprechen gekommen und hat u. a. folgendes ausgeführt:

»Auf der Suche nach neuen Wegen werden wir zunächst allen Schutt der Vergangenheit beseitigen müssen. Oesterreich wird zur Demokratie zurückkehren. Diese Demokratie wird aber nicht nur in einer neuen Verfassung, sondern vor allem im Herzen des Volkes verankert werden müssen. Die Demokratie des neuen Oesterreich wird gebieterisch ein Zusammenwirken der beiden grossen Parteien, der Christlichsozialen und der Sozialdemokraten, erfordern, und es werden auch andere Parteien, deren Sorge dem Wiederaufbau Oesterreichs und dessen Erhaltung gilt, ihren Teil an Verantwortung übernehmen müssen.

»Wenn Oesterreich frei sein wird und der Wiederaufbau beginnt, wird dessen Grundlage ein neuer österreichischer Patriotismus sein müssen, dessen Pflege eine der wichtigsten Aufgaben der neuen österreichischen Schule sein wird. Es wird nie mehr geduldet werden, dass in die Herzen der österreichischen Jugend das Gift eines deutschen Nationalismus geträufelt wird, und an den österreichischen Mittel- und Hochschulen wird kein Raum mehr sein für Professoren, die ihre hochverräterische Einstellung mit deutschnationalen Phrasen tarnen. Für den Pangermanismus wird es in Oesterreich keine Möglichkeit mehr geben. Die österreichische Jugend wird gelehrt werden, dass die Treue zum Vaterland die höchste Bürgertugend ist.«

Fassen wir zusammen: die österreichische Emigration hat den guten Willen, ein neues Oesterreich im Rahmen eines neuen Europa aufzubauen. Wie rasch ihr das gelingen wird, hängt wesentlich von der Mithilfe der Alliierten ab, nicht nur einen von Nazi-Ideen freien, sondern vor allem auch wirtschaftlich lebensfähigen Staat zu schaffen.

A Proposal from Czernin

In an interview Ferdinand Czernin, chairman of Austrian Action, declared that without exception every measure imposed on Austria by the Nazis since 1938 must be rescinded. Beyond that, Czernin demands that all 850,000 Austrian members of the NSDAP be stripped of their citizenship, for they — up to the party's closure to new members fourteen days after the Anschluss — had expressly exercised their "right of option" for Germany. In the same connection Czernin also rejects the possibility, now under discussion, that the two and a half million Sudeten Germans — whom President Beneš, before leaving London, said must be resettled — should be received into Austria.

Minister Rott, too, turned at the Free Austrian Movement commemoration to the future of Austria, saying among other things:

"In the search for new paths we shall first have to clear away all the rubble of the past. Austria will return to democracy. But this democracy will have to be anchored not only in a new constitution but above all in the heart of the people. The democracy of the new Austria will imperiously demand cooperation between the two great parties, the Christian Socials and the Social Democrats, and other parties too — whose concern is the reconstruction and preservation of Austria — will have to shoulder their share of responsibility.

"When Austria is free and reconstruction begins, its foundation will have to be a new Austrian patriotism, whose cultivation will be one of the most important tasks of the new Austrian school. It will never again be tolerated that the poison of a German nationalism be dripped into the hearts of Austrian youth, and in Austria's secondary schools and universities there will be no room for professors who cloak their treasonous outlook in German-nationalist phrases. For pan-Germanism there will be no further possibility in Austria. Austrian youth will be taught that loyalty to the fatherland is the highest civic virtue."

To sum up: the Austrian emigration has the good will to build a new Austria within a new Europe. How quickly it will succeed depends essentially on the Allies' willingness to help create a state that is not only free of Nazi ideas, but above all economically viable.