← Writings/Aufbau · 7 July 1944
Wenn Johnny einmal fragen wird…
When Johnny One Day Asks…
Am 6. Juni 1944, als Johnny Liebmann vier Monate alt war, ist sein Vater als einer der ersten bei der Invasion von Frankreich gefallen. Johnny wird dies erst in einigen Jahren auf die unausbleibliche Frage nach seinem Vater erfahren. Und er wird sich der Tragweite seiner Tragödie um so bewusster werden, je älter er wird. Er teilt dieses Schicksal mit vielen Tausenden anderer Johnnys, die, wie er, ihren Vater niemals gesehen haben und ihn nur aus den Erzählungen ihrer noch jungen Mütter kennen.
Aber bei Johnny – und wir wissen von einem konkreten Fall und nur der Name Johnny Liebmann ist frei erfunden – wird es noch etwas anderes sein. Denn Johnny wird, sobald er alt genug ist, um es zu verstehen, noch viel mehr erfahren. Seine Tragödie wird noch um Vieles grösser sein als die der anderen Johnnys.
Sein Vater war nämlich – wie auch seine Mutter – ein Flüchtling aus Deutschland. Aus jenem Deutschland, mit dem Amerika und die übrige Welt in jahrelangem erbittertem Kampf lag. In Deutschland ist sein Vater geboren, aufgewachsen und erzogen worden, dort hatte er begonnen, sich sein Leben aufzubauen. Bis die Deutschen ihn – und alle seine Glaubensgenossen – zu verfolgen begannen, entehrten, enteigneten und aus seiner Heimat verstiessen. Bar jeder Mittel fand er in Amerika Zuflucht und schaffte sich zum zweiten Male eine Existenz. Dann fiel er für die neue Heimat.
Johnny wird auch erfahren, dass die Eltern seines Vaters nach Polen deportiert und dort von den Deutschen in der schändlichsten Weise umgebracht worden sind. Dass die Eltern seiner Mutter zuerst nach Frankreich geflohen waren und von dort nach dem französischen Zusammenbruch ihre Flucht fortsetzen mussten, bei der die Mutter in einem spanischen Gefängnis den Tod fand und der Vater später in Freiheit, aber zum Leben zu schwach, in Südamerika gestorben ist. Er wird von dem Schicksal weiterer naher Verwandter erfahren, die die Deutschen erstochen, verbrannt, zu Tode gepeitscht haben.
Johnnys Tragödie bleibt, obwohl sie sich erst in der Zukunft abspielen wird, die Tragödie der deutschen, ja der europäischen Juden. Diese Tragödie endet nicht mit dem Sturz des Naziregimes. Sie zieht ihre Kreise bis in noch ungeborene Generationen.
Welch schauerliches Erwachen für Johnny, der sich plötzlich in ein Riesenirrenhaus zurückversetzt glauben wird, in dem er sich nicht auskennt. Der Krieg wird längst zu Ende sein und Johnny wird von ihm schon im Geschichtsunterricht in der Schule hören, aber seine persönliche Tragödie wird ihn bis an sein Lebensende begleiten. Und er wird sie überliefern an seine Kinder und Kindeskinder, er, der Amerikaner deutschjüdischer Abstammung.
An uns, den Lebenden und Erwachsenen, aber ist es, uns Johnnys zukünftige Tragödie als ewige Warnung vor Augen zu halten. Die seltsamen Herren, die auch heute noch mit den Deutschen paktieren wollen und glauben, sie »retten« zu können, werden diese Tragödie vielleicht nicht ernst nehmen. Sie verstehen sie eben nicht – oder wollen sie nicht verstehen. Aber die anderen, die kein Mitleid haben mit den deutschen Schlächtern unschuldiger Männer, Frauen und Kinder, die mögen Johnnys Vater ein Denkmal errichten und darunter die mahnenden Worte setzen: Dem unbekannten Nazi-Opfer. Damit nicht Johnnys Generation aufs neue zum Kampf gegen die Deutschen aufgerufen werden muss.
On 6 June 1944, when Johnny Liebmann was four months old, his father fell as one of the first casualties of the invasion of France. Johnny will not learn this until, some years from now, he asks the inevitable question about his father. And the older he grows, the more fully he will grasp the weight of his tragedy. He shares this fate with many thousands of other Johnnys who, like him, never saw their fathers and know them only from the stories of their still-young mothers.
But in Johnny's case — and we know of a concrete instance; only the name Johnny Liebmann has been invented — there will be something more. For as soon as he is old enough to understand, Johnny will learn much more still. His tragedy will be far greater than that of the other Johnnys.
His father, you see — like his mother — was a refugee from Germany. From that Germany with which America and the rest of the world had been locked, for years, in bitter struggle. In Germany his father was born, grew up, and was educated; there he had begun to build a life. Until the Germans set about persecuting him — and all his coreligionists — dishonouring them, dispossessing them, driving them from their homeland. Stripped of everything, he found refuge in America and built himself a life a second time. Then he fell for his new homeland.
Johnny will also learn that his father's parents were deported to Poland and there put to death by the Germans in the most shameful ways. That his mother's parents fled first to France, and after the French collapse were forced to flee again — his grandmother finding her death in a Spanish prison, his grandfather dying later, free but too weak to live on, in South America. He will hear the fate of other close relatives whom the Germans stabbed, burned, and flogged to death.
Johnny's tragedy will remain — although it will only unfold in the future — the tragedy of the German, indeed of the European, Jews. This tragedy does not end with the fall of the Nazi regime. Its circles reach into generations still unborn.
What a terrible awakening for Johnny, who will suddenly believe himself set down inside a vast madhouse he cannot make sense of. The war will long since be over, and Johnny will already have heard of it in history class at school, but his personal tragedy will accompany him to the end of his life. And he will pass it on to his children and his children's children — he, the American of German-Jewish descent.
It falls to us, the living and the grown, to hold Johnny's future tragedy before our eyes as an eternal warning. The strange gentlemen who even today wish to make pacts with the Germans, believing they can "save" them, may not take this tragedy seriously. They simply do not understand it — or do not wish to. But the others, who have no pity for the German butchers of innocent men, women and children — let them raise a monument to Johnny's father and inscribe beneath it the admonishing words: To the Unknown Nazi Victim. So that Johnny's generation need not be called upon, all over again, to take up the fight against the Germans.